„Sie müssen mir zwei Dinge versprechen: Erstens, Sie dürfen niemandem meinen Namen nennen. Und zweitens, Sie werden mit Ihrem Leben das tun, was Sie wollen.“


Gloria Steinem, die wohl bekannteste Feministin Amerikas, brach den ersten Teil dieses Versprechens, das ihr der britische Arzt Dr. John Sharpe abnahm. 1957 waren Abtreibungen sowohl in Großbritannien als auch in den U.S.A. illegal. Steinem war 22 Jahre alt und ungewollt schwanger. Und Dr. Sharpe entschied sich dem Gesetz zum Trotz, ihr ärztlichen Beistand zu leisten und ihr eine Abtreibung zu ermöglichen. Erst 2015, Jahre nach seinem Tod, schrieb Steinem darüber in ihren Memoiren. Selbst Steinems größte Kritiker:innen werden einräumen, dass sie in der Zwischenzeit wie wenige Andere die politische Sphäre Amerikas geprägt und dem zweiten Teil des Versprechens mehr als entsprochen hat.

Die Grundsatzentscheidung Roe v. Wade änderte 1973 die legale Situation aller Menschen, die wie Steinem eine Abtreibung nicht nur als notwendig, sondern für sich lebensentscheidend empfanden. Mit dem Urteil, das von der Verfassung zugesicherte Recht auf persönliche Freiheit müsse auch staatenübergreifend Schwangerschaftsabbrüche einschließen, vermehrten sich medizinische Anlaufstellen. Weniger Menschen waren gezwungen, auf dubiose Hinterhofärzt:innen und gefährliche at-home-Lösungen zurückzugreifen. Am 24. Juni diesen Jahres hob der oberste Gerichtshof diese Entscheidung wieder auf. Somit liegt es nun wieder bei jedem U.S.-Bundesstaat, festzulegen, ob die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen rechtlich verfolgt werden sollte oder nicht. Ironischerweise wurde in Deutschland am selben Tag Paragraph 219a abgeschafft. Ärzt:innen hierzulande ist es nun leichter möglich, Patient:innen zum Thema Schwangerschaftsabbruch zu informieren.

Der Diskurs um das Thema Abtreibung hat stets polarisiert. Dem Recht eines unbescholtenen Fötus, das Leben anzutreten, steht im Kontrast zu dem Recht der Person, die den Fötus trägt, über den Verlauf ihres Lebens selbst zu bestimmen. Die letzten Tage und Wochen zeigten uns eine Resonanz von Angst, Wut, Verzweiflung und von Hoffnung. Das Kino hat nicht nur die Kraft, diese Emotionen in aller Vielfalt auszudrücken, es erlaubt uns auch, in die Haut von Menschen zu schlüpfen, die wir abseits der Leinwand kaum beachten würden. Im Folgenden präsentieren wir euch unsere persönlichen Empfehlungen zu dem Thema. Zusätzlich findet ihr am Ende des Artikels einige Links zu Organisationen, bei denen ihr euch über Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche informieren und spenden könnt. Aufgeführt sind ebenfalls Vereine, die Ressourcen für Kinder sammeln und Unterstützung gebrauchen können.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (Cristian Mungiu, 2007)

Die Atmosphäre in 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist von der ersten Sekunde an intensiv und fordernd - und dennoch bereitet nichts darauf vor, was im Verlauf dieses rumänischen Spielfilms über einen hereinbrechen wird. Das liegt vor allem daran, dass die atmosphärische Wirkung zunächst gar nicht von dessen eigentlichem Kernthema herrührt, sondern von seiner komplexen zeitgeschichtlichen Verortung und einnehmenden filmischen Inszenierung. So wird über weite Teile der ersten Filmhälfte die Thematik eines Schwangerschaftsabbruchs gar nicht offensichtlich verhandelt, zumindest nicht direkt benannt. Der Regisseur Cristian Mungiu wirft seine Zuschauer:innen unmittelbar in das erzählte Geschehen im Rumänien von 1987 hinein, ausgiebige Kameraeinstellungen, überwiegend aus der Hand gedreht, verfolgen die beiden Protagonistinnen Otilia (Anamaria Marinca) und Găbița (Laura Vasiliu) bei geschäftigen Vorbereitungen. Sie sind im Aufbruch begriffen, doch worauf genau sie sich vorbereiten, wird erst schrittweise offenbart. Es handelt sich um zwei junge Frauen, welche sich ein Zimmer in einem studentischen Wohnheim teilen und dadurch irgendwie auch ihr Leben. Sie sind in eine beengte Umgebung eingebunden: Viele Menschen leben in dem Wohnheim auf engem Raum zusammen und scheinen keine Distanz zwischen sich zu kennen. Die unruhige, aber keineswegs hektische Kamera folgt Otilia auf ihrem Weg durch das Gebäude, sie unterhält sich mit anderen jungen Frauen in der Gemeinschaftsdusche, selbst vollständig angezogen, und erwirbt ein paar Dinge bei einem Mitstudierenden, dessen Zimmer eine Art kleiner Schwarzmarkt ist. Schnell wird klar, dass bestimmte Waren knapp sind, nur selten gibt es die gewünschte Seifen- oder Zigarettenmarke. Ein weiterer Faktor, der das Leben von Otilia und Găbița bestimmt und durch den Film in den Fokus genommen wird, ist ihre soziale Rahmung. Wiederholt wird thematisiert, dass sie eigentlich Fremdkörper sind in dieser studentischen Großstadt, da sie ursprünglich aus einer ländlichen Gegend und bäuerlichen Verhältnissen stammen. Dieser Umstand schweißt die beiden gewissermaßen zusammen, macht sie jedoch auch noch mehr zum Ziel für jene Art von Gefahren, Diskriminierung und Misshandlung, denen sie sich im Laufe der Handlung ausgesetzt sehen.

Kalte Reflektionen über eine kalte Zeit ©Concorde

Es ist eine große Stärke von 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, dass darin der lebensverändernde Vorgang einer Abtreibung nicht einfach nur für sich verhandelt wird, sondern vielmehr als ein Ereignis, welches in unzählige komplexe Rahmenbedingungen gebettet und durch ebenso viele soziohistorische Faktoren beeinflusst wird. Der Fakt, dass ein Schwangerschaftsabbruch im Rumänien von 1987 eine Handlung ist, die nicht offiziell geschehen darf, sondern in der heimlichen Illegalität passieren muss, unter Androhung drakonischer Gefängnisstrafen und gesellschaftlicher Ächtung, ist nur eine dieser Rahmenbedingungen. Denn selbst innerhalb dieser ohnehin prekären Situation tun sich noch einmal weitere Abstufungen der Prekarität auf. Es wird sich zeigen, dass Otilia und Găbița auf dieser Stufenleiter ziemlich weit unten stehen. Sie wissen aufgrund ihrer ländlichen Herkunft nichts über Möglichkeiten, eine inoffizielle Abtreibung durchzuführen, ohne sich dabei selbst seelisch und körperlich in Gefahr zu bringen. Aufgrund dieser Unwissenheit begeben sie sich in die Hände von Menschen, die ihre hilflose Situation zum eigenen Nutzen missbrauchen werden. Eine weitere Stärke dieses Films ist seine ungewöhnliche Erzählperspektive, die er konsequent wählt und bis zum Ende durchzieht. Es ist vor allem die Perspektive von Otilia, welche einen Großteil des Films bestimmt. Sie selbst ist nicht schwanger, es ist Găbița, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen will oder muss oder beides. Otilia scheint zunächst nur die Rolle der guten Freundin einzunehmen, welche Găbița dabei hilft, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie macht nicht nur letzte Besorgungen für sie, sie organisiert auch händeringend ein Hotelzimmer und übernimmt das erste Treffen mit der Person, die die Abtreibung dort durchführen wird - alles Dinge, die eigentlich Găbița übernehmen sollte. Dass diese sich davor drückt, liegt an ihrer seltsam naiven Art, die Dinge geschehen zu lassen und sich auf die Hilfe anderer zu verlassen, ohne sich dabei der Konsequenzen für sich und ihre Umgebung bewusst zu sein. Otilia muss deshalb immer wieder all die Versäumnisse und Fehlentscheidungen ihrer Mitbewohnerin ausbügeln, um sie vor schlimmeren Dingen zu bewahren. Eigentlich "müsste" Otilia keine dieser Dinge tun, schließlich liegen diese in Găbițas Verantwortung. Sie tut sie dennoch, zunächst weil Găbița ihre Freundin ist und ohne Hilfe scheinbar aufgeschmissen wäre. Aber über den Verlauf des Films ändern sich Otilias Beweggründe für ihre Handlungen, von einem rein freundschaftlichen Mitgefühl hin zu einem Bewusstsein dafür, dass sie selbst sich genauso schnell in Găbițas Situation befinden könnte, hin zu einem Bewusstsein über ihre Situation als Frau, die durch eine ungewollte Schwangerschaft jederzeit gesellschaftlich in die Illegalität gedrängt werden könnte. Und so ergibt es einen tieferen Sinn, dass Otilia und Găbița in der abschließenden Szene des Films und nach Durchleben schrecklicher Ereignisse zusammensitzen, abgeschottet von allen anderen Menschen um sich herum, nur auf einander gestellt, ohne jemals über das Erlebte mit jemand anderem sprechen zu können, aber gerade aus dieser verschworenen Zweiergemeinschaft ihre Stärke ziehend.

Was der Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage zeigt, ist mitunter schwer anzuschauen. In zurückgenommenen, aber mit einem detaillierten Blick inszenierten Szenen führt uns der Regisseur Cristian Mungiu durch einen Abgrund. Schleichend geraten die zwei Hauptfiguren in die Fänge ihrer soziokulturellen Situation – kämpfen sich aber auch wieder heraus. Genaue Beobachtungen zwischenmenschlicher Interaktionen und komplexer Zusammenhänge ziehen sich durch den gesamten Film und machen ihn so sehenswert. Was auf den ersten Blick wie ein schlichter Versuch des filmischen "Realismus" erscheinen mag, entblößt schon beim zweiten Blick eine derartige Vielschichtigkeit, dass ein vielfaches Hinschauen unabdingbar wird.

Citizen Ruth (Alexander Payne, 1996)

Ruth Stoops (Laura Dern) ist durch und durch unsympathisch: Klebstoff- und selbstsüchtig torkelt sie, wohin sie ihre Intuition gerade treibt. Sie hat bereits vier Kinder geboren, die der Staat Nebraska ihr alle entzogen hat. Ihre Familie kennt die toxischen Zyklen, in die Ruth sich begibt und ist sie leid. Doch ihrem Treiben droht ein jähes Ende, als sie wieder mal benebelt von der Polizei aufgegriffen wird: Ruth ist erneut schwanger. Und vor Gericht wird sie nicht nur wegen des recht schweren Vergehens der Gefährdung ihres Fötus (von dem sie bis dato nichts wusste) verurteilt, ihr Strafmaß soll noch härter ausfallen, sollte sie sich nicht zu einer Abtreibung entscheiden. Dieses unkonventionelle Arrangement des Richters stößt Abtreibungsgegner:innen, die mit der werdenden Mutter die Zelle geteilt haben, ausgesprochen sauer auf. Die Familie Stoney (angeführt von Kurtwood Smith und Mary Kay Place) offeriert, sie bei sich aufzunehmen und zu versorgen, bis das Kind geboren ist. Die Causa Ruth ruft aber auch Pro-choice-Aktivist:innen auf den Plan. Und irgendwo inmitten des Tauziehens um das werdende Leben in ihrem Bauch muss Ruth sich entscheiden, was sie eigentlich will…

…aber dann macht der Film es sich doch nicht so einfach. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Filme, die die generischen, bequemen Wege vermeiden. Und nichts an Alexander Paynes Spielfilmdebüt ist generisch oder bequem. Dies beginnt schon mit der Prämisse: Eine Satire, die die Politisierung des Themas Abtreibung offenlegen soll. Wir erwarten in so einem Fall letztendlich doch ein Lippenbekenntnis für eine der Seiten. In Citizen Ruth bekommen beide Fronten menschliche Gesichter mit sympathischen und unsympathischen Aspekten, letztendlich wirken sie alle authentisch bemüht und doch naiv und blind ob der Naturgewalt, mit der sie es zu tun haben. Denn Laura Derns Ruth ist der berechtigte Anker dieses Films. Wir würden erwarten, dass sie im Verlauf der Handlung einen moralischen Standpunkt in eigener Sache entwickelt, aber wenn es in Ruth ein Organ für Skrupel gegeben hat, ist es längst abgestorben. Für sie gibt es nur sich, was sie gerade braucht und wie sie es bekommt. Es ist Laura Derns großartiger, eklektischer Performance und der Stärke des Drehbuchs zu verdanken, dass aus unserer Protagonistin kein flacher Charakter wird. Die von Payne-Stammkollaborateur James Glennon geführte Kamera öffnet nicht nur den Horizont von Nebraskas gähnender Leere und Farblosigkeit, sie behandelt gelegentlich Ruths Gesicht wie eine Landschaft, die wechselhaften Sturmböen ausgesetzt wird. In einem Moment mimt sie die Reuige, Selbstkasteiende, im nächsten explodiert sie wie ein bockiges Kind.

Zwischen den Fronten: Ruth (Laura Dern) ©Miramax

Payne und Drehbuchautor Jam Taylor suchen nicht nach Antworten in der Abtreibungsdebatte, vielmehr sind sie interessiert an Fanatismus und den persönlichen Veranlagungen, die Menschen zu ihm ziehen. Es ist gleichsam bestürzend und urkomisch, wie engstirnig die jeweiligen Seiten versuchen, eine Frau für sich zu gewinnen, die offenbar keinerlei Interesse an ihren Anliegen hat. Sie lassen sich bereitwillig von Ruth ausnehmen, was für reichlich Comedy sorgt. Die stärksten Momente liefert Citizen Ruth jedoch dann, wenn offensichtlich wird, dass Ruth jedwede Komplexität und Menschlichkeit abgesprochen wird. In etwa wie im bisherigen Teil dieser Rezension. Als Süchtige bringt Ruth jede Menge Charaktereigenschaften mit, die zu Frustration und Abscheu einladen – nichtsdestotrotz muss man mit ihr mitfühlen, wenn sie ein Gespräch zweier Polizisten mitanhört, die sie und ihre Schwangerschaft herabwürdigen, oder wenn der vorsitzende Richter ihr gegenüber seinen Ekel kundtut. Wer von uns würde sich noch auf eine Umwelt verlassen, die uns verabscheut? Zahllose Menschen erzählen Ruth, was sie tun sollte. Keiner fragt sie wirklich, was sie will oder braucht.

Ruth erinnert mich sehr an Norma McCorvey, die 1973 als Jane Roe im Fall Roe v. Wade als Klägerin auftrat. McCorveys Jugend war geprägt von familiärer Zerrüttung, ungeregelten Verhältnissen, Bagatelldelikten und sexuellem Missbrauch. Auf eine frühe Ehe folgten Suchtprobleme, ihre ersten beiden Kinder musste sie weggeben. Die dritte Schwangerschaft wollte McCorvey unter ihren prekären Umständen nicht austragen und ihre Schwierigkeiten, eine legale Abtreibung in Anspruch zu nehmen, führten zu der Klage. In den folgenden Jahrzehnten vollführte McCorvey atemberaubende Luftsprünge: Mal identifizierte sie sich als pro-choice und lesbisch, dann konvertierte sie zum evangelikalen Christentum und engagierte sich gegen das Urteil, für das sie selbst gekämpft hatte. Vor ihrem Tod 2017 soll sie gestanden haben, von der Pro-life-Lobby bezahlt worden zu sein, um sich für ihre Position stark zu machen. Citizen Ruth ist alles, was man von einer Satire will, nämlich schlau, wagemutig und witzig. Frauen wie Ruth und Norma McCorvey erinnern aber auch daran, dass hinter der drastischen Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft oftmals eine komplexe Vita steht, die sich nicht für die polemischen Narrative von Befürworter:innen und Gegner:innen zurechtschneiden lässt.

Das Ereignis (Audrey Diwan, 2021)

Die Tatsache, dass so viele herausragende Filme, welche sich mit Abtreibung beschäftigen, aus Frankreich stammen, lässt darauf schließen, dass dieses Thema die dortige Bevölkerung sehr beschäftigt. Allein in den vergangenen Jahren findet sich die Thematik u.a. bei Porträt einer jungen Frau in Flammen, oder beim letztjährigen Cannes-Gewinner Titane. Letzterer, ein eigenwilliger Mix aus Außenseiterporträt und Body Horror, Genrefilm und Arthauskino, wurde schließlich auch für die Oscars eingereicht. Ein aussichtsloses Unterfangen, die Oscars sind schließlich nicht gerade dafür bekannt, offen gegenüber weirden und abseitigen Filmen zu sein. Da hätte Frankreich mit Das Ereignis, der ebenfalls in der Vorauswahl war, deutlich bessere Chancen gehabt.

Das Abtreibungsdrama, welches 2021 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig gewann, spielt im Frankreich des Jahres 1963 und handelt von der Literaturstudentin Anne, welche ungeplant schwanger wird. Für die junge Frau kommt nicht in Frage, das Kind auszutragen und damit ihre Zukunft zu opfern ("Ich möchte ein Kind, aber nicht auf Kosten meines Lebens.") und so steht ihr Entschluss, die Schwangerschaft zu beenden von Anfang an fest. Im Frankreich der 60er jedoch ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Personen, welche Abtreibungen durchführen und den Schwangeren droht die Gefängnisstrafe, weswegen Abtreibungen im Geheimen und unter riskanten Bedingungen durchgeführt werden. Da es keine einfache Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch gibt, gilt eine Schwangerschaft unter den Studentinnen als größtmögliches Übel ("Die Krankheit, welche nur Frauen trifft und sie zu Hausfrauen macht."). Eine Person zu finden, welche eine Abtreibung durchführt, ist Anne beinahe unmöglich. Zudem reagiert Annes Umfeld sehr abweisend, denn die unverheiratete junge Anne, welche abtreiben möchte, passt überhaupt nicht in das konservative Weltbild des damaligen Frankreichs.

Anne sieht sich mit dem Ende der Freiheiten und Aufstiegschancen konfrontiert. ©Prokino

Obwohl der Film in den frühen 60ern angesiedelt ist, gibt es wenige Indizien, anhand welcher sich der Film zeitlich eindeutig verorten lässt. Gut, in den Tanzlokalen läuft etwas andere Musik als heutzutage und die männlichen Studenten tragen Koteletten, aber Regisseurin Audrey Diwan verzichtet soweit wie möglich auf Zeitkolorit. Bezüge auf die politische Situation der Zeit oder pittoreske Stadtszenen mit Oldtimern sind hier also nicht zu finden. Ganz klar eine bewusste Entscheidung, schließlich beschäftigt das Thema auch heutzutage noch viele Menschen. Und leider sind Todesfälle durch repressive Abtreibungspolitik immer noch kein Ding der Vergangenheit.

Besonders auffallend an Das Ereignis ist der visuelle Stil. Durch das 4:3-Format und die geringe Schärfentiefe sind die Bilder extrem auf die Protagonistin fokussiert, welche oft von ihrer Umgebung isoliert wirkt. Die dynamische Handkamera folgt Anne, welche in beinahe jeder Einstellung des Filmes zu sehen ist, aus nächster Nähe. Inhaltlich ist der Film zwar recht geradlinig und folgt nüchtern der Protagonistin von Bekanntwerden der Schwangerschaft bis zum Schwangerschaftsabbruch, aber das hervorragende Schauspiel von Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, die starke Inszenierung und die große Nähe zur Hauptfigur machen Das Ereignis zu einer eindrucksvollen Erfahrung. Die eigentliche Abtreibung wird schließlich als One-Take präsentiert und ist in ihrer Ausführlichkeit sehr intensiv und schwer anzusehen.

Neben dem Abtreibungsthema hat der Film übrigens noch eine weitere Gemeinsamkeit mit Porträt einer jungen Frau in Flammen: Die französisch-kosovarische Darstellerin Luàna Bajrami, welche dort die junge Frau spielte, die ihre Schwangerschaft beenden möchte, spielt hier eine der Freundinnen der Protagonistin. Das Ereignis startete am 31. März 2022 in den deutschen Kinos und wird voraussichtlich am 22. September auf Blu-ray erscheinen.

Eine Frauengeschichte (Claude Chabrol, 1988)

Das wohl Interessanteste an Chabrols Drama ist, dass es sehr leicht aus einer pro-life-Perspektive zu lesen ist. Isabelle Huppert spielt Marie Latour, eine mittellose, alleinerziehende Mutter, die während des Zweiten Weltkriegs versucht, sich und ihre Kinder über die Runden zu bringen. Deutschland hat Frankreich besetzt und viele Französinnen sind ungewollt schwanger. Sei es von ihren Männern, die an der Front sind, sei es von deutschen Soldaten. Alle Varianten bedeuten mit ziemlicher Sicherheit den sozialen Ruin. Marie berührt ihn täglich, also versteht sie nur zu gut, warum die schwangere Nachbarin sich hilfesuchend an sie wendet. Nach einigen Anläufen glückt die Abtreibung, und Marie hat auf einmal einen Plattenspieler. Hier sehen wir zum ersten Mal ein Leuchten in den Augen dieser Frau, die vom Leben nichts geschenkt bekommen hat. Wir begreifen, was sie begreift – sie hat eine lukrative Einnahmequelle gefunden. Marie freundet sich mit der Prostituierten Lulu (Marie Trinitignant) an und findet so nicht nur neue Klient:innen und einen weiteren Arbeitszweig, sondern auch eine solidarische Vertraute. Im starken Kontrast dazu steht ihr Mann Paul (François Cluzet), der invalide aus dem Krieg zurückkehrt. Er ist aufrichtig bemüht, aber da ist keine Romantik, kein Interesse. Marie liebt ihn nicht mehr, verachtet ihn geradezu.

Isabelle Huppert als lebenshungrige Engelmacherin ©Concorde

Wir sehen ihr also dabei zu, wie sie Zimmer an Prostituierte untervermietet und im Nebenraum routiniert abtreibt und dabei die soziale Leiter erklimmt. Im Kern ihres Wesens ist sie keine glühende Feministin, die für die Ihren kämpft und kein empathischer Engel. Marie ist Opportunistin. Und unsympathisch noch dazu. Der Umgang mit ihren Kindern ist fast genauso lieblos wie der mit ihrem Mann, und das verdiente Geld steckt Marie lieber in eine neue Frisur, eine schrille Garderobe und Gesangsstunden. Aber können wir allen Ernstes über eine Frau urteilen, für die anfänglich ein paar Kekse mit Marmelade puren Luxus darstellen? Chabrol, stets der Menschensmensch und große Beobachter, tut es nicht. Die unausgesprochenen Gedanken des Scripts äußern sich im Spiel der wie immer grandiosen Huppert. Sie brilliert nicht nur in den Szenen, in denen Maries Dekadenz zutage tritt, sondern gerade dann, wenn sie mit ihren Widersprüchen konfrontiert wird. Denn bei heimischen Abtreibungen kann und muss zwangsläufig irgendwann etwas schiefgehen. Und wurde anfangs eine deportierte jüdische Freundin von ihr noch sehr beweint, hält sie das nicht davon ab, eine Affäre mit einem glühenden Nazi zu beginnen.

Was Eine Frauensache wieder in Richtung pro-choice schubst ist der dritte Akt, in dem sich die Charakterstudie zum Justizdrama wandelt. Wir möchten an dieser Stelle nichts vorwegnehmen, nur so viel: Es wurde in dieser Redaktion rege diskutiert, ob Chabrol dieser Umschwung glückt oder nicht. Es ist aber, wie so oft bei Chabrol, eine Geschichte mit francohistorischem Fundament. Marie basiert auf Marie-Louise Giraud, die in den frühen 1940er Jahren in und um Cherbourg Abtreibungen anbot und durchführte. Ohne medizinische Ausbildung und ohne Gewähr auf Leben und Erfolg. Das Vichy-Regime verschärfte 1942 die Strafe für Personen in diesem Metier, was ihr Urteil maßgeblich beeinflusste. Auch Girauds Schicksal sei hier, des Filmfinales wegen, unerwähnt.

Mit Eine Frauensache demonstriert Claude Chabrol einmal mehr sein tiefes Verständnis für die komplexe menschliche Psyche. Ob seine und Hupperts Marie ihrer historischen Vorlage entspricht, ist ungewiss- memorabel ist sie allemal.

Eine singt, die Andere nicht (Agnès Varda, 1977)

Abtreibung: Das Musical. Was wie das Grundkonzept einer handelsüblichen South Park – Folge klingt (wenn es das nicht schon gab, ich schaue die Serie nicht, don’t come @ me), ist im Kern eine Hymne auf weibliche Freundschaft. Mein Deutschlehrer pflegte zu sagen „Wahre Freundschaft gibt es nur unter Männern!“. Ich sage, wer sich die Geschichte von Suzanne (Thérèse Liotard) und Pomme (Valérie Mairesse) ansieht, kennt die Wahrheit.

Das Schicksal führt die beiden jungen Frauen 1962 im Fotostudio von Suzannes Partner zusammen. Eigentlich kannte man sich früher schon vom Sehen, doch richtig eng werden die beiden erst, als Suzanne Pomme ihre missliche Lage beichtet: Die Fotografien bringen nichts ein, mit 21 hat sie bereits zwei kleine Kinder, der Fotograf will sie nicht heiraten. Und sie ist erneut schwanger. Pomme, die aus besseren Verhältnissen kommt, aber viel Empathie und jugendlichen Enthusiasmus mitbringt, versteht sofort. Schon 16 Jahre Dasein als Frau haben ihr eingebläut, dass die Welt es ihnen schwer genug machen wird und jede andere Frau irgendwie eine Schwester ist, die volle Solidarität verdient hat. Also hilft sie, das Geld für eine Abtreibung zusammenzukratzen. Diese erste Episode endet mit einer Tragödie, aber Suzanne und Pomme bleiben einander im Herzen tief verbunden.

Der untypische Blick auf Schwangerschaften und ihr Ende ©Janusfilms

Ihre Freundschaft wird über die nächsten 14 Jahre verfolgt. Suzanne wird Aktivistin, Pomme Chanteuse auf Wanderschaft. Es folgen weitere Abtreibungen, diverse Männer, genügend feministische Songeinlagen und wunderschöne Aufnahmen der französischen Küste und iranischen Landschaft. Varda unterteilt die Kapitel der Freundschaft mit liebevollen Collagen von Briefen, Reisezielen und Postkarten. Obwohl der Film ein gemeinhin ernstes Thema behandelt, strahlt er eine Leichtigkeit und Wärme aus, die sich über die 116 Minuten Spielzeit nicht verlieren. Ob einem die Gesangseinlagen irgendwann die Laune verderben, ist Ansichtssache. Unbestreitbar jedoch ist das Auge des Films für die Kernidee des Feminismus, dass Frauen von der Gesellschaft routiniert schlechte Karten zugespielt bekommen und ihr Blatt nur ändern können, wenn sie zusammen spielen. Dabei wird dankenswerterweise vermieden, die beiden Frauen zu Exempeln zu reduzieren. Hier haben wir zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, in denen mehr Innenleben ruht als ihre Einstellung zu Familienplanung. Pomme und Suzanne sind ungleich, wie Abtreibungen und Musicals, aber in Eine singt, die Andere nicht lernen wir, diese Kombinationen zu schätzen. Vielleicht, weil gegen die Trauer über eine abgebrochene Schwangerschaft manchmal nur ein Lied auf einer Fähre im sommerlichen Amsterdam hilft.

I Will Forget This Day (Alina Rudnitskaya, 2010)

Eine entfernte Brücke im Winter, eine befragte Frau fängt an zu weinen, ein Stuhl in einem Krankenhausgang auf dem die Frau alleine sitzt. Über einen Spiegel blicken wir nach und nach in die gedankenversunkenen Gesichter vieler Frauen. Scheinbar endlos wirken diese Augenblicke der Betrachtung, doch plötzlich stehen sie auf und gehen durch eine Tür.

Der Kurzfilm I Will Forget This Day (Я забуду этот день) von Alina Rudnitskaya dokumentiert, in analogen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die letzten Wartemomente vor dem Schwangerschaftsabbruch in einer russischen Abtreibungsklinik. Die eigentliche Thematik lässt der Film selber allerdings lange Zeit offen und man fragt sich, was mit diesen Frauen im Operationssaal gemacht wurde, da sie nach einer Weile wie reglose Körper auf Rolltragen aus dem Raum geschoben werden. Es wirkt wie der letzte Weg ins Leichenhaus. Kaum ist eine Frau weggeschoben, darf die Nächste eintreten. Diese Unausgesprochenheit zieht die Zuschauenden in einen niederschmetternden Sog, da man sich fragt, was die Frauen dazu treibt. Durch die Gesichter der Frauen schaut man in ihr Inneres. Erst spät offenbart der Film durch einige Aufklärungsgespräche die eigentliche Abtreibungsthematik. Es sind bittere Lebensumstände, die von den Frauen geschildert werden und man versteht endgültig, warum sie diese Entscheidung getroffen haben. Noch härter treffen die Sätze der Ärztin, die einer jungen Frau erklärt, ihr Fötus sei schon zu alt für einen Schwangerschaftsabbruch und warum sie denn nicht schon früher gekommen sei.

Eine wartende Frau kurz vor der Abtreibung. © Otkrytaya Kinostudiya "Lendok"

Der Fokus der Kamera liegt dabei immer auf den Frauen, Ärzte und Helferinnen treten in den Hintergrund und werden teilweise bewusst aus dem Bild gelassen. Generell ist der Kurzfilm sehr minimalitisch gefilmt mit meist mit langen, statischen Kameraeinstellungen, welche durch dumpfen metallenen Klängen aus der Klinik ergänzt werden. Das schwarz-weiße Filmbild ist außerdem absichtlich verkleinert, was eine Art Tunnelblick erzeugt. Die Schwere und Tragweite der Abtreibungs-entscheidung wird spürbar auf die Zuschauenden übertragen. Alina Rudnitskaya schafft es einsdrucksvoll mit dem Blick von Außen, das Innenleben der gezeigten Frauen offenzulegen. Auch in ihren anderen Filmen beschäftigt sich die Regisseurin mit der Rolle der Frau im modernen Russland.

In I Will Forget This Day realisiert man auf bedrückende Art, dass der titelgebende Wunsch des Vergessens nicht eintreten wird, zu einschneidend werden die beklemmenden Erinnerungen sein. Der Film lässt die Zuschauer:innen an diesen letzten Wartemomenten teilhaben und sie bleiben dadurch auch ein Teil von ihnen.

Am Ende der Neuanfang

Wir haben euch heute fünf Spielfilme und einen Kurzfilm präsentiert. In ihren Zentren stehen Frauen. Anstrengende Frauen, verantwortungslose Frauen, überforderte Frauen, kluge Frauen, liebevolle Frauen und talentierte Frauen. Viele unserer Protagonistinnen sind von all diesen Dingen etwas, mal mehr, mal weniger. Filme über das Thema Abtreibung sind eine Rarität im Kino, weil sie den Fokus voll und ganz auf die Entscheidungen und Motivationen von weiblichen Charakteren legen. In kaum einem anderen "Genre" interagieren Frauen so sehr miteinander und stehen füreinander ein. Sie alle eint der Wunsch auf einen Neuanfang: Für sich, für die Kinder, die sie nicht bekommen wollen, für die, die sie noch bekommen könnten und für die Generation nach ihnen.

Wie bereits angekündigt habt ihr die Möglichkeit, euch tiefergehend rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch zu informieren. Der Bundesverband profamilia betreibt Aufklärungs- und Lobbyarbeit und bietet bundesweit Beratungsmöglichkeiten für ungewollt schwangere Personen an. Auf der Website findet ihr zusätzliche Ressourcen rund um die Themen Verhütung, Sexualgesundheit und Kinderwunsch. Das Netzwerk Doctors for Choice stellt Kontakt zwischen deutschen Mediziner:innen und Medizinstudierenden her und ermöglicht Fortbildungen zum Thema Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsabbruch für medizinisches Personal. Spenden und Engagement sind bei beiden gerne gesehen.

Des Weiteren wollen wir euch noch auf Die Kindernothilfe und Das Deutsche Kinderhilfswerk aufmerksam machen, wenngleich ihr sicher schon von ihnen gehört habt. Erstere setzt sich weltweit für die Bedürfnisse von Kindern wie Obdach, Ernährung, Bildung und Schutz ein; Letztere ist besonders aktiv für Kinder, die in Deutschland von Armut betroffen sind. Auch hier ist der Bedarf an Spenden und helfenden Händen groß. Denn wenn das Leben im Mutterleib schon Schutz bedarf, ist das Leben außerhalb des Mutterleibs ungleich kostbarer und auf Chancengleichheit und Support angewiesen.