Dass wir Mitglieder vom KiK echt eng miteinander sind, kann jeder sehen, der sich in unser Kino begibt und uns mal so richtig lange anglotzt. Da stehen wir freundlich umherblickend hinterm Tresen, stets in tiefer Verbundenheit und trauter Eintracht. Und wenn es richtig gut läuft, liegen wir nicht selten eng umschlungen im Foyer und kuscheln. OK, das kann ich mir auch ausgedacht haben, aber dass wir trotz so vieler gemeinsam verbrachter Stunden als freiwillige Kinodienstleister  sehr oft zusammen noch in die Sneak gehen ist ein Fakt. Kinogänger for life, richtig harte Cineastenhunde sind wir nämlich.

Das braucht es auch, denn Sneakgehen ist für mich wie früher mit meiner Mutter ins Kaufland zu gehen: superdröge, langatmig und ohne Überraschung. Aber manchmal, freilich selten, wenn ihr mein Leidensgesicht nach dem ewigen Gangabschreiten doch ein schlechtes Gewissen bereitete, ging's anschließend zu McDonalds. Dass ich mir Filme wie The Domestics, The Happytime Murders oder It's just getting started ansah, werde ich mir in 20 Jahren bei der sorgsamen Begutachtung meiner Letterboxd Errungenschaften von 2018 sicher nicht mehr erklären (und vor allem angesichts der dann bestimmt auch nicht mehr gerade zahlreich noch vor mir liegenden Jahre verzeihen) können. "Hätteste mal lieber was von Godard..." oder "Den einen Fuller haste bis heute nich', aber diesen Mist..." werde ich mir sagen. Aber drauf geschiss.. äh gespuckt, solcher Rotz ist mit guten Leuten neben einem für kaum 5 Euro ja allemal erträglich und ich bringe mich sachte an die Mitredsphäre für Filme nach 1980 heran. Und manchmal aber, leider nicht sehr oft, geht das gesamte Kinopersonal des Sneakpalastes unserer Wahl plötzlich mit in den Saal und wir mit unseren geschulten Überraschungsfilmantennen wissen: jetzt zeigen sie Avengers: Endgame, oder anders gesagt: etwas Großes! Also kurz, es läuft auch Erträgliches, Gutes und richtig Gutes.

Vergangenen Mai waren wir nun 'mal wieder da und sie überraschten ("besneakten") uns mit etwas, das mir eigentlich sehr liegt: einem U-Boot Film! Ich liebe ja U-Boote. Man kann sie pink anmalen, ziiiiiiiieeeeeemlich tief abtauchen lassen und tschechisch animieren, man kann eine submarine Räuberpistole von Überläuferei mit ihnen erzählen oder sie sogar über drei Stunden als Inspirationsquelle für 90er Raves vom Atlantik zum Mittelmeer über die Leinwand schippern lassen. Bestimmt ist auch viel mehr möglich, aber es geht ja hier nicht um das verlockende Erstellen einer U-Boot-Film-Liste. Diese ist nun aber auf jeden Fall gewachsen!

Für einen, der in zwanzig Jahren nicht mehr allzu viele Jahrzehnte vor sich hat, gehört nämlich noch, werter Jungleser, das bewusste Nachrichtenmiterleben einer besonderen submarinen Großkatastrophe, die des Atom-U-Kreuzers "Kursk" aus dem Jahre 2000. Und diesen Marineunfall hat man jetzt - damit keine Verwechslungen zu anderen U-Boot Filmen entstehen - genau unter diesem Namen verfilmt. Wer keine Ahnung hat: die Kursk war ein russischer Atom-U-Kreuzer (phantastisches Wort, nicht?)! Das sind diese Atomraketen tragenden Superwaffen, welche friedensgeile Leute, zu denen ich mich auch zähle, eigentlich ablehnen. Sie sollten aus dem Verborgenen heraus die idyllischen Frühlingsnachmittage heißer Kalter-Kriegs-Zeiten stören, im schlimmsten Falle mit Atomexplosionen während der Kaffeezeit in Ballungsräumen. Doch dann kollabierte der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf russischem Boden und hinterließ dem vom neuen Kapitalismus schwer gebeutelten russischen Staat eine Riesenflotte maroder Nuklear-U-Boote. Und da die militärisch aufgeblähte Post-Sowjetunion sich nicht von heute auf morgen von ihrem Waffenarsenal verabschieden konnte, rostete alles nicht mehr wart- und brauchbare in den Häfen langsam vor sich hin. Ab Mitte der Neunziger war die Versorgungslage in den Marinestützpunkten sogar derart prekär, dass manche Basen Partnerschaften mit jenen Städten schlossen, die auf die Boote aufgepinselt waren. So trug es sich bspw. zu, dass die Stadt Kursk regelmäßig Lebensmittel in den Heimathafen des U-Bootes schickte, das ihren Namen trug. Soviel zur Situation in Russland Ende der 90er. Aber dass wir uns nicht missverstehen: die Kursk selbst war damals ein nigelnagelneues U-Boot, das coole neue bad-ass kid in einer ansonsten mit ziemlich vielen Senioren zugerammelten Volkshochschule, um einmal die russische Marine mit dem deutschen Bildungssystem zu vergleichen.

Ungefähr hier setzt die Handlung ein. Und da wir uns im zeitgeschichtlichen Kontext befinden, erlaube ich mir alles (in Kurzform) zu erzählen. Wer das nicht lesen will, kann zum Fazit runterscrollen, das mit einem fett gedruckten Satz beginnt. Es trug sich also Folgendes zu: eine handvoll Matrosen feiert die Hochzeit eines Kameraden, für die sie ihre Uhren versetzten, um an Krimsekt und sonstige für russische Feierlichkeiten unerlässliche Accessoires zu gelangen. Vorher wird noch in einer mit fürchterlichen CGI in die Hafenkulisse montierten orthodoxen Kirche geheiratet. Dann gehts auch schon gemeinsam auf die Kursk zum Manöver auf See. Für den entsprechenden Knalleffekt dieser Marinespielerei werden mehrere Torpedos geladen, von denen einer etwas "herummuckt". Aber in Zeiten ausbleibender Bezahlung und fehlender Wartung sind das hinzunehmende Problemchen. Die Kursk läuft aus, sinkt ein erstes Mal (geplant, zum Manöver) und kurz darauf ein zweites Mal (ungeplant, beim Manöver), als das murrende Unterwassergeschoss wenige Minuten vor dem Abschuss explodiert. Im verwüsteten Torpedoraum bricht dummerweise ein Feuer aus, das kurz darauf die restlichen Torpedos detonieren lässt. Dieses ungeplante Unterwasserfeuerwerk zerstört aber nicht das ganze U-Boot, ein Teil der Besatzung kann sich ins Heck retten. Nun fächert sich die Erzählung auf: man erlebt, wie die Überlebenden für Luft und Aufmerksamkeitsgeräusche sorgen, sieht, wie die russische Admiralität verzweifelt einen Rettungsversuch per Mini-U-Boot startet, der allerdings an einer maroden Gummidichtung scheitert; ferner, wie sich die britische Admiralität in Position bringt, eigene Rettungsmittel bereit zu stellen und schließlich, wie die Ehefrauen anfangen der russischen Marineleitung mit unangenehmen Fragen über den Verbleib ihrer Ehemänner und dem Stand der Rettungsarbeiten auf den Geist zu gehen.

Die hohe russische Admiralität hat nun aber ihre verknöchertsten Gestalten in Stellung gebracht, die vor allem fürchten, dass, gäbe man die Tauchmission an die mit moderner Rettungtechnik ausgestatteten Briten ab, diese dann die Chance nutzten, heimlich in ihrem High-Tech U-Boot herumzuspionieren. Also verzögert das russische Oberkomamndo das Hilfsangebot, schiebt den Unfall den Amerikanern in die Schuhe bzw. verharmlost ihn. Das bringt nun aber die properen Matrosenfrauen in Rage, die sich nicht mit den Aussagen abspeisen lassen wollen und vor offener Kamera auf der Pressekonferenz aufmucken. So dreht sich der Katastrophenreigen, bis die Restmannschaft im Heck alkoholisiert einen folgenschweren Fehler beim Neuanschmeißen der Sauerstoffmaschine begeht und alle tragischerweise sterben. Die nun endlich ihrem Rettungswerk nachkommen dürfenden Briten finden nur noch die Leichen im Rumpf vor. Bei der Beerdigung kommen dann nochmal alle zusammen, um in der Kirche von weiter oben im Text Abschied von ihren Liebsten zu nehmen.

Das KiK ist ein Superkino und viel besser als der Fernseher, an dem ich damals als ganz, ganz junger Jugendlicher an der Katastrophe teilnahm. Ich war aber bei der ganzen Sache jenseits der Glotze natürlich nicht wirklich dabei, doch die im Film geschilderten Handlung deckt sich weitestgehend mit dem Wikipedia Artikel zur Katastrophe, es muss also stimmen! Freilich hat man auch viel Fiktion in den Ballon des uns vom Unglück Unbekannten geblasen, aber in offenbar nicht allzu sehr entstellendem Maße. Robert Moores Roman-Fiktionalisierung des historischen Stoffs namens "A Time to Die" stand dafür Pate, wir haben es also mit einer Art Drama im Dokugewand zu tun. Den größten Lernmehrwert der ganzen Sache hatte für mich übrigens die Tatsache, dass Max von Sydow noch lebt, der den russischen Großadmiral spielt. Wie man auch immer zu dieser Art des Umgangs mit historischen Ereignissen stehen mag, der neue ja auch nuklear befeuerte Superkracher "Chernobyl" zeigt uns, dass diese Art der filmischen Verdichtung richtig gut funktionieren kann.

Aber von der anderen Saga einer russischen (bzw. sowjetischen) Katastrophe ist Kursk weit entfernt. Man hat hier allenfalls einen handwerklich halbwegs routiniert inszenierten Film mit der klassischen visuellen und künstlerischen Ambitionslosigkeit solcher Produktionen. Ich sähe so etwas ja viel lieber im Fernsehen! So als Zweiteiler zum Beispiel, abends auf Sat 1. Obwohl, ich habe ja gar keinen Fernseher, von mir aus könnten solche Produktionen also auch gerne ganz unterbleiben. Aber wer hört schon auf meine schlichte Meinung. Und jetzt ist der Film ja da und will weiter bewertet werden. Nun, alles ist solide runtererzählt, aber abgesehen von den durchaus packenden Aufnahmen innerhalb des havarierten U-Boots sticht nichts heraus. Enge und U-Boot mäßige Dunkelheit wie im Weltkriegshit "Das Boot" haben auch hier ihre Wirkung und sind ganz patent mit der Kamera eingefangen. Die sich zuspitzende Situation im Heck (die übrigens rein fiktional ist, man fand nur einen beschriebenen Zettel der zunächst Überlebenden) wirkt durchaus packend und aus den parallel montierten Szenen mit den sich aufgrund politischer Borniertheit hinziehenden Rettungsmaßnahmen zieht der Film seine stärksten Momente. Man will ja auch nicht, dass sich die geschundenen russischen Marineleute auf dem Meeresgrund alkoholisiert in ein zu frühes Grab begeben. Für mich eindrücklich war zudem die Schilderung der erbärmlichen Situation der Marine in den Stützpunkten mit dem Ausbleiben des Solds und der schwierigen Versorgungslage.

Ein ziemliches Ärgernis für die französisch-belgische Großproduktion ist das wahnsinnig auffällige CGI. Ich kann ja noch nachvollziehen, dass Putin seine Schiffchen für eine kritische Aufarbeitung einer Katastrophe, die unter seiner Herrschaft stattfand, nicht zum Abfilmen aus dem Hafen laufen lässt. Aber dass die Produktion sich dann auf derart unbedarfte Art aus der Affäre zieht, kann man bei dem Aufwand, der z.B. bei der Besetzung betrieben wurde, nicht so recht nachvollziehen. Besonders die Beleuchtungsdifferenz von Realszene und Computermodell ist so auffällig, einer könnte glauben, die frühen 2000er hätten das erst 2019 veröffentlichte Material schon mal vorproduziert. Da offenbar französische oder belgische Häfen zum Abfilmen dienten, fehlt auch die jenseits der Nato-Einflusssphäre übliche orthodoxe Kirche, die man so schlecht in die französische Szenerie montierte, dass ich mehrmals laut loslachte, was hoffentlich im Kinosaal nicht als antireligiöses Ressentiment verstanden wurde.

Und da wir gerade bei der Kirche sind: ein Leitmotiv des Films ist auch die Religion. Es gibt sowohl eine Heirat, als auch eine Trauerfeier als Filmrahmung in einer orthodoxen Kirche, sowie mehrere Gespräche über das Christentum. Sehr auffällig detoniert der Torpedo auf das "Nein", welches auf die Frage des diensthabenden Waffenoffiziers an einen Matrosen folgt, ob er religiös sei. Hier werden die geänderten nachsowjetischen Verhältnisse aus europäischer Perspektive auffällig: neue Sinnstiftung durch Religion nach dem Untergang der Sowjetunion, die den in erbärmlichen Verhältnissen lebenden Matrosen Halt gibt. Das Politische ist dabei gleichzeitig korrumpiert und verknöchert, und zwar dergestalt, dass man glaubt, der Gegensatz des Kalten Krieges wäre noch an der Tagesordnung. Im sich zum Antidemokratischen wandelnden Putin-Russland wird dieser Gegensatz illustriert durch die Konfrontation der besorgten Matrosenfrauen mit der russischen Admiralität auf mehreren Pressekonferenzen, die damals auch international für aufsehen sorgten und hier reinszeniert wurden. Ein tieferer Einblick in die russische Politik vermeidet der Film aber, wenngleich ein autoritärer Charakter stets ahnbar bleibt: in heldenhafter Selbstlosigkeit steht der europäische Kontinent bereit zur Hilfe, wird aber abgewiesen. Es ist schon etwas schwarz-weiß.

Jenseits der arg konventionellen Erzählung und Hauptmotive bleibt noch zu erwähnen, wer so alles zum Atomkreuzer gerufen wurde. Und wir wären nicht im geschundenen, um Einheit ringenden Europa, wenn es uns nicht gelänge, für die Darstellung einer russischen Katastrophe nicht einen einzigen russischen Darsteller (1) zu engagieren: Léa Seydoux, Colin Firth, Max von Sydow, und unsere hervorragenden Russendarsteller August Diehl und Matthias Schweighöfer. Letzterer gehört auf jeden Fall zu den Glanzpunkten, obwohl gar keine Schweighöfer-Nacktszene vorkommt, die meinen halben Freundeskreis ins Kino brächte. Als geschulter Sneakgänger braucht man - das darf ich hier als Veteranentipp verbreiten - eine Art Ergötzungsfähigkeit am Schlechten. Das habe ich mir mühsam antrainiert. Als präpotentes schauspielerisches Nichtglanzlicht spielt er sehr deutsch, und das, obwohl er einen Russen darstellen soll. Deutsch ist, was ich ein sehr sichtbares Schauspiel, also ein von der Theaterschule mitgebrachtes sichtbares Bemühen um Schauspielerei, ein bewusstes Zeigen, man ist in der Rolle, nennen würde. Es war zum Schießen. Oder Explodieren, denn Schweighöfer fliegt ziemlich schnell in die Luft, was dem Film sehr gut tut. Léa Seydoux als russisches Mütterchen, von Sydow als russischer Großadmiral und Colin Firth als britischer Gegenpart machen ihre Sache allerdings ordentlich. Schön im Sinne der Sneakergötzung am Schlechten sind die Großszenen russischer Marineleute: mehrmals wird eine Art alt-sowjetischer Seemanns-Shanty zur Melodie von "Oh, Tannenbaum" gesungen! Ein paar wirkliche Russen hätten dem Film hier gut getan.

Bei mir blieb der Eindruck hängen, dass Europa mit Kursk einen sehr selbstgefällig kritischen Film über die russische Katastrophe gemacht hat, der wegen der routinierten Machart eigentlich nichts im Kino zu suchen hat. Das auffällige Scheitern glaubhafte russische Verhältnisse jenseits ihrer bloßen visuellen Abbildung (Architektur, Schiffe, Uniformen, alte Männer mit weißen Bart) zu schaffen, also das sicht- und hörbare Scheitern hier irgendwie russische Menschen in russischen Szenerien zu schildern, war dabei am frappierendsten. Die Vergleichsfiktion "Chernobyl" ist dabei in jeder Hinsicht besser aufgestellt, gerade weil es nicht im Vordergrund steht, irgendwie besonders "osteuropäisch" zu agieren. Man enthält sich beim Kraftwerkskatastrophendrama klischeebeladener Szenen, vermeidet Akzente und hat eine exquisite Auswahl an Sets und funktionierende Computer-Illusion. Kursk ist davon in Sachen Drehbuch, visuellen und schauspielerischer Darstellung und auch der Setauswahl um Welten entfernt. Sehr schön allerdings ist, das Matthias Schweighöfer so unvermittelt explodiert. Eine Mehrfacheinstellung dieser Szene nach den Credits hätte uns allen gut getan! So als kleiner Hinweis an unsere YT-Meme-Spezialisten.  

Am Ende noch meine Lieblings Kursk Schreibfehler (bitte laut vorlesen): Krusk, Kruks, Ksurk, Kurks

(1) abgesehen vom Sohn des Hauptprotagonisten, der in Moskau geboren wurde